Gleichgewichte

Charlie surft nicht. Macht er doch! und ich mach mit. Wie dutzende Vietnamesen, zogen mich die wohlgeformten Wellen erst in ihren Bann, dann sirenenhaft ins warme Wasser. Das Brett war schnell bekommen und Neopren bei diesen Bedingungen unnötig. Schon seit Jahren stand ich auf keinem Board mehr und bin auch weit vom Talent entfernt. Dennoch, auf einem großen Stück Plastik balancierend, nun die Wellen reitend, die ich auf dem Weg hinaus aufs Wasser zu überwinden hatte, ist berauschend. Zwar endet nicht jeder Versuch mit Wind und Sonne im Gesicht aber ich empfinde auch Freude im Schleudergang der Wellen. Zu verdanken habe ich diesen Spaß meinem zuerst ungeplanten Aufenthalt in Danang.

Danang oder auch Da Nang ist eine für ihre Größe recht ruhige Hafenstadt mit rund einer Million Einwohner. Sie befindet sich so ungefähr in der vertikalen Mitte Vietnams und kann mit einer entsprechenden klimatischen Ausgeglichenheit im Nord-Süd Gefälle aufwarten. Es ist wärmer und trockener als in Hanoi aber noch nicht so heiß wie in Saigon, zumindest im Januar und Februar. So werden die 26 Grad am Strand, bei einer prävalenten Meeresbrise ganz schnell zur Wohlfühltemperatur. Diese Faktoren (und weitere) locken eine besondere Spezies an Menschen an, Digital Nomads.
Digitalnomaden sind eine nicht unbeträchtliche Zahl an jungen Menschen aus der westlichen Welt, die sich durch die Welt bewegen und sich diese Bewegung mittels digitaler Leistungen finanzieren. Sie ziehen hinaus in die Welt und lassen sich an den Orten die ihnen gefallen für Wochen, Monate oder auch wenige Jahre nieder, bevor sie an andere weiterziehen und sich das Ritual wiederholt. Dabei entstehen Knotenpunkte auf der Landkarte, wo sich eine hohe Dichte an digitalen Nomaden verzeichnen lässt. Ich hatte den Beginn unternommen, tiefgründiger von diesem faszinierenden Phänomen zu berichten, fand hier aber nicht den Platz dazu.

Wie ich von Danang nach Ho Chi Minh Stadt kam, wo ich die letzten Tage meines Vietnamtrips verbrachte, hatte ich ja bereist ausführlich geschildert.

Ho Chi Minh Stadt, die bis 1976 noch Saigon hieß bis der letzte Amerikaner hinausgefegt wurde, ist die größte Stadt des Landes und berühmt für seine legendär breiten Ströme an Mopeds. Wie so viele Menschen in Südostasien, setzen auch die Vietnamesen auf das zweiradige Knatterross. Dieses manövrieren sie mit einer schlafwandlerischen Sicherheit, auch bei abwesender Aufmerksamkeit, durch das Straßenlabyrinth. So kann man anfangen an höhere Mächte zu glauben, wenn man einen Burschen einhändig mit dem Moped über die zehnspurige Kreuzung, Blick auf das Handy in der anderen Hand gerichtet und ohne den Blick zu heben, mich, den Fußgänger, geschmeidig umfahren sieht. Klar, da nehme ich die Zügel auch mal selbst in die Hand und habe mir ein ebensolches Gefährt für einen Tag gemietet. Ziel meines Ausflugs wurde das legendäre Tunnelsystem in Cu Chi, in dem sich eine ganze Ortschaft über Jahre unter der Erde vor Amerikanischen Bomben geschützt hat. Es ist ein ganz ausgeklügeltes System, das sich auf verschiedene unterirdische Stockwerke und über 230 km Länge erstreckt. Dort traf ich eine Gruppe Dänen, die in mir, nachdem ich ihnen erzählte ich sei mit dem Roller aus Saigon angereist, geistige Störungen entdeckt haben wollten. Dabei ist es ganz einfach in dem Strom von Rollern zu überleben. Man übergibt sich dem Strom wie ein Stück Holz dem Wasser im Fluss. Man vergisst Rückspiegel und alles was hinter einem vor sich geht und konzentriert sich nach vorn mit gelegentlichen Blicken nach links und rechts und vermeide abrupte Manöver.
Könnte auch als Anleitung fürs Leben taugen.

Die Reisegötter trieben noch ihren Schabernack mit mir, quasi als Ausgleich für mein bereits geschildertes innervietnamesisches Flugerlebnis. Am Morgen meines Abflugs stieg in mir schon eine Unruhe auf, die mich früher als üblich zum Flughafen trieb. Am Abflugschalter hatte ich dann die Gewissheit, ich befand mich illegal im Land und ich kann mich auf mein Gefühl verlassen. Der Check In blieb mir nun verwehrt.

Im Gegensatz zur Beantragung des Chinesischen Visum, war das Vietnamesische leicht auf dem elektronischen Wege zu bekommen. Einen Monat hatte ich beantragt, einen Monat hatte ich bekommen. So stand es zumindest auf meinem Ausdruck, den ich zwar bei meiner Einreise vorlegte aber anscheinend vom Immigration Officer ignoriert wurde. Denn sie gab mir lediglich zwei Wochen, wie ich jetzt dem Gekritzel in meinem Pass entnahm. Zweiter Anfängerfehler auf dieser Reise. Leute, immer schön gucken ob ihr das bekommen habt was ihr wolltet und das Wechselgeld noch direkt an der Kasse zählen.

Schnell flogen Wörter wie Straftat, Geldstrafe und Einreiseverbot durch die Luft, doch drei Immigration Officer später hatte ich meinen Kopf aus der Schlinge erklärt und wurde mit einem Zeigefingerwink und dreifach gestempelten Laufzettel entlassen. Feucht unter den Achseln, dafür etwas erleichtert, kehrte ich zum Check In zurück. Nun wurde mir erklärt, ich hätte kein Gepäck gebucht. Witzig oder? Und das bei der gleichen Fluglinie die mich eine Woche zuvor noch auf Händen trug und auf Knien bediente.

Naja, nun mittlerweile vom Stress gezeichnet (der Schweiß hatte sich weiter ausgebreitet), ließ ich mich erschöpft in den Sitz sinken und entschwand diesem schönen Land. Nächster Stop: Taiwan.

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