Wenn in China …

Nachdem ich aus meiner als dystopisch empfundenen Situation, die sich wie ein Cocktail aus Dave Eggers’ technokratischen Roman The Circle und George Orwells Sozialdystopie 1984 anfühlte, erwachte, gab es auch freudigere Dinge zu erleben. Oder andersrum.

Mein Gelddilemma hat sich zwar nicht aufgelöst, trotzdem habe ich in den folgenden 3 Wochen viel erlebt, ohne Geld auszugeben. Das haben andere für mich getan. Es hatte ein wenig die Anmutung des Dasein eines Clanchefs, zumindest nach meiner Interpretation davon. Egal was ich wollte, auf ein Zeichen „äh, übernimmst Du das mal bitte“, bekam ich was ich wollte, ohne mich um die Profanität des Wertausgleichs (Bezahlen) bemühen zu müssen. Mag gut klingen aber auch diese Form der Existenz ist nur von kurzer Dauer und außerdem gepumpt.

Was gab es im Angebot?
In Shenzhen habe ich erlebt, dass Hochhausfassaden zur Kommunikation genutzt werden können. Nicht als Projektionsfläche, was aufgrund der Gebäudehöhe zu ineffizienter Flächennutzung führen würde. Außerdem sind Projektoren sooo 80er…
Stattdessen strahlen die miteinander vernetzten Gebäuderiesen aus sich heraus. Schwer vorstellbar? Schau Dir das Video an.

Als nächstes gab es Handwerkliches zu bestaunen. Was war ich erleichtert. Das Örtchen Dafen beherbergt eine Kolonie an schaffenden, kopierenden Künstlern, einen ganzen Ameisenstaat davon. Wer also einen Van Gogh haben möchte, dafür aber nicht bereit ist mit seinem Kilo afrikanischer Diamanten zu scheiden oder gar Einschränkungen in seinem bescheidenen Lebenswandel hinzunehmen, der kann sich für einen schmalen Taler die Caféterrasse am Abend, made in Dafen, ins Wohnzimmer hängen. Merkt keiner!

Von Shenzhen ging es nach Guangzhou, auch Kanton genannt. Endlich vertraulicheres Terrain und endlich ein Ende mit der Sterilität einer auf Wachstum ausgerichteten und geplanten Metropole. Endlich mehr Leben UND fantastisches Essen. China ist groß, sehr sehr groß (bei der Gelegenheit lohnt es sich mal auf die Karte zu schauen und zu staunen) und umfasst dabei beinah alles was dieser Planet klimatisch zu bieten hat. So unterschiedlich die verschiedenen Provinzen sind, so unterschiedlich sind die Stile in denen gekocht wird. Ist in Deutschland zwar auch so, spricht aber keiner drüber. Eine dieser zahlreichen Küchen ist die Kantonesiche, die es auch zu Weltruhm gebracht hat und wohl auch deshalb in den meisten Metropolen anzutreffen ist. Stichwort Dim Sum. Zahlreiche Bambuskörbchen mit unterschiedlichen gedämpften Häppchen, werden von einer Armada an gefüllten Tellerchen begleitet, auf denen sich Hühnerbeine, Fischköpfe, Schweinebauch, Gemüse und Rettichkuchen, je nach Belieben, türmen. Jeder pickt mit seinen Stäbchen auf das ein, was ihn begeistert und sichert es in seinem eigenen, privaten Schälchen, auf das Mitessende, außer in Zeiten höchster Not, in der Regel nicht zugreifen (es ist immer wieder beachtlich, welche Sozialdynamiken sich beim geteilten Mahl entwickeln können). Hier wird die Freude am Essen offenkundig rustikal zelebriert und Oberflächlichkeiten treten in den Hintergrund, was das am Ende des Mahls zurückgelassene Schlachtfeld bezeugt.

Über sein Essen hinaus ist Kanton für seinen gigantischen Teemarkt bekannt. Dort liegt Pu Erh, dieser göttlichste aller Tees, in der Luft und nur allein vom Schlendern über diese Teehändlermonokulturlandschaft wird man ganz high von diesem Stoff. Wer gerne in Englisch liest und sich ein Bild von der Pu Erh Wirkung machen möchte, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt. Als Teehändler habe ich natürlich eine ganz neutrale Sicht auf die Dinge 🙂 und in dieser Funktion trieb ich mich auf dem Markt herum, was mir immer wieder eine große Freude bereitet.

Akupunktur ist integraler Bestandteil von TCM, nein, nicht von Tschibo, sondern der Traditionellen Chinesischen Medizin. In Hippie Eberswalde hatte ich meine erste Erfahrung damit gemacht, doch jetzt durfte ich dieses Prozedere neu kennenlernen. Grund dazu hatte ich genug (Leute macht euch warm vor dem Sport!), mir die Nadeln im Rücken “ansetzen” zu lassen. Mein Verständnis bis dato war, das die widerbehakten Nadeln mittels Führungsröhrchen und dem reflexartigen Tippen des Zeigefingers auf das Nadelende in Position gebracht werden und die meisten von Ihnen nach verstrichener Zeit, beinah wie von allein abfallen.
Wie naiv. Das mag zwar an meinem mageren Ohr so funktioniert haben, doch an meinem vom Dim Sum geprägten Rücken wurde anders vorgegangen. Ich spürte jeweils ein Pieksen, wenn die Nadeln die Haut durchstießen, gefolgt von einem merkwürdigen Gefühl, das ich als Drehung der Nadel interpretierte. Ich lag auf dem Bauch und konnte nichts sehen. Alex, ein Freund und in der Piekordnung der Zweite, sah was tatsächlich geschah. Nachdem die Nadel mittels Führungsröhrchen gesetzt war, wurde sie nun tiefer an ihren Bestimmungsort geschoben. Wir reden hier von Zentimetern. Was ich als Drehung der Nadel interpretierte, war das Treffen der Energiebahnen oder Nerven. Das mag sich vielleicht ein wenig unattraktiv anhören, doch ist die Wirkung beachtlich und der Schmerz quasi nichtexistent (Indianer kennen den sowieso nicht und als ein solcher wurde ich schon in meiner Kindheit identifiziert).

Ach Mensch, jetzt habe ich mich wieder so in Details verheddert und kein Ende gefunden. Eigentlich wollte ich mit diesem Artikel das Chinesische Kapitel beendet haben. Vielleicht gelingt es mir beim nächsten Mal ….

Video

Ein kleiner angesäuselter Schnappschuss mit dem Handy. Nicht besonders gut aber dafür kurz.

Fotostrecke

Gleite mit dem Mauszeiger oder Deinem Finger über die Bilder und sie werde mehr über sich preisgeben.

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